Was steckt hinter Totschlagargumenten?

Politisch interessierter Menschen werden hin und wieder Zeuge oder Beteiligte einer Diskussionen, in denen zwei Kontrahenten sich gegenseitig davon zu überzeugen versuchen, dass nur ihre jeweilige Sicht der Dinge richtig sei. Dabei geht jeder davon aus, dass sein eigener Standpunkt offensichtlich der korrekte ist.

Solche fanatischen Kontrahenten sind wie Gockel.

Hahnenkampf

Mich fasziniert dabei immer wieder die Vehemenz, mit der einzelne Gockel ihren eigenen Standpunkt vertreten. Sie halten ihre jeweilige Sichtweise für die einzig richtige, und es ist für sie sonnenklar, dass somit die Anderen falsch liegen: Früher oder später wird der das noch einsehen, ansonsten ist er dumm („Du hast es leider nicht verstanden„), von Hass zerfressen („Hater„), ewiggestriger, hat Angst um seine Privilegien (wird gerne von Feministen verwendet), will seinen Lolli zurück usw. usf. Ich hab das alles nicht erfunden. Je nach Gockel und Medium folgen darauf auch aggressivere Vorgehensweisen: MAN WIRD LAUT WEIL MAN SICH VOR WUT GLEICH VERGISST!!!! oder entzieht dem Gegner das Wort (das Mikrofon, auf Twitter: block), oder wird gar handgreiflich (Twitter: spamblock).

Wenn zwei derartige Gockel aufeinandertreffen ist Streit vorprogrammiert. Und wenn eines dieser Argumente auftaucht kann man getrost davon ausgehen, dass es von einem Gockel kommt.

Aber warum fällt es manchen Menschen so schwer zuzugeben, dass man selbst vielleicht ein Bisschen falsch und der andere vielleicht ein Bisschen richtig liegen könnte? Dass „die Wahrheit“ irgendwo dazwischen liegt, je nachdem von welcher Seite man sie betrachtet?

Einfach gesagt: ein Gockel muss seinen Standpunkt verteidigen, sonst fühlt er sich instinktiv in Gefahr.

Blödsinn? Lass es mich erklären.

Der moderne Mensch ist noch ein Säugling

Geschichtlich gesehen steckt der moderne Mensch noch in den Windeln für Neugeborene. Wir leben erst seit Kurzem in einer Zivilisation, in der die überlebensnotwendigen Instinkte, die wir uns über viele Jahrtausende angeeignet haben, nicht mehr überlebensnotwendig sind. Haben tun wir sie aber trotzdem noch. Und wir handeln auch noch nach ihnen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, weil er nur innerhalb einer Gemeinschaft, einer Sippe, überleben konnte. Denn auf sich allein gestellt war er über kurz oder lang wie ein einsamer Wolf: so gut wie tot. Jede Sippe hatte eigene Verhaltensweisen, die fürs Überleben notwendig waren und die von der Umwelt diktiert wurden. Diese Verhaltensweisen wurden zur Regel, deren Befolgung die Normalität war. Aus gutem Grund, denn dieses Verhalten von Individuen sicherte das Überleben der ganze Sippe. Wer sich nicht regelkonform – also: nicht „Normal“ – verhielt, gefährdete sein eigenes Überleben und damit auch die Sicherheit der Sippe. Die Regeln wurden zu Gesetz der Sippe und zum Gewissen der Individuen darin.

Dieses Grundprinzip wirkt noch heute. Wer sich entsprechend den Regeln seiner Sippe verhält, der hat ein gutes Gewissen. Wer es nicht tut hat ein schlechtes. Und wer die Sippe gefährdet indem er ihre Regeln nicht befolgt (im weiteren Sinne: ihr Gewissen nicht teilt) riskiert seinen Ausschluss aus der Sippe, und das bedeutete, geschichtlich betrachtet, gestern noch den Tod.

Das mit dem guten Gewissen ist heute immer noch so, das mit dem Tod nicht mehr. Aber erklär das mal einem Neugeborenen in Windeln.

Der Mensch identifiziert sich über sein Wertesystem, also über sein Gewissen mit der Gesellschaft, die für ihn (und für die er) lebensnotwendig ist. Ein Verstoß gegen dieses Gewissen hat nicht nur ein schlechtes Gefühl zur Folge, sondern ist instinktiv Lebensbedrohlich.

Zurück in die Neuzeit

Unser Wertesystem, also das was wir als gut und böse oder richtig und falsch erachten, begründet sich in der Gemeinschaft aus der wir kommen und in der wir leben. Das ist keine rein individuelle oder willkürliche Festlegung. Wenn wir Teil unserer Gemeinschaft bleiben wollen, müssen wir die Wertvorstellungen dieser Gemeinschaft teilen und befolgen. Wenn wir es nicht tun riskieren wir verstoßen zu werden. Deshalb erfordert es viel Mut, Stärke, eine starke und ausgereifte Persönlichkeit um den „eigenen“ Standpunkt (der ja eigentlich der Standpunkt der Gemeinschaft ist) zu hinterfragen: instinktiv gefühlt bedeutet das Gefahr.

Wir sind alle Mitglieder mehrerer Gemeinschaften, auf mehreren Ebenen zur gleichen Zeit: die kulturelle (z.B. Mitteleuropa), die nationale (unser Herkunftsland), die eigene Familie, Religion oder Ideologie der wir folgen, diverse Vereine, Arbeitgeber etc. Ein Mensch, der zu einer dieser Gesellschaften eine ausgesprochen schwache Bindung hat, kompensiert das durch eine umso stärkere Bindung zu einer Gesellschaft auf einer anderen Ebene. Jemand der eine schwache Bindung zu seiner Familie hat, kompensiert das oft durch eine stärkere Bindung zu seiner Religion und wird leichter zum Fanatiker.

Ein Mensch, dessen Identität sich primär auf seine Religion oder Ideologie stützt, wird deshalb große Schwierigkeiten haben einen von seiner Religion oder Ideologie abweichenden Standpunkt zu tolerieren. Weil ihn das, zumindest instinktiv, existentiell bedroht. Menschen, deren Wurzeln tiefer unter die Oberfläche gehen, tiefer als in eine Ideologie tun sich da leichter.

Die gute Nachricht ist: Wurzeln wachsen für gewöhnlich mit dem Alter in die Tiefe. Viele Gockel werden auch mal erwachsen.

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Über Martin Domig

Uh yeah. THAT guy.
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Eine Antwort zu Was steckt hinter Totschlagargumenten?

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