Anleitung zum Unglücklichsein

Sie hatte schon wieder diese Wut im Bauch, die immer dann in ihr aufkochte wenn sie es wieder mal miterleben musste: die systematische Unterdrückung der Frauen* im Patriarchat. Und dabei war es noch nicht mal Mittag!

I am not a doormat

Da war dieser Dude. Er drängte mit seinem egoistisch raumeinnehmenden Gang rücksichtslos eine Gruppe von Kommilitoninnen* zur Seite, als er auf den Haupteingang des Universitätsgebäudes zusteuerte. Sein Machtgehabe war ihm schon so in sein Blut übergegangen, dass ihm gar nicht bewusst war, wie sein Verhalten von seinem Umfeld gelesen wurde. Oder es war ihm egal. Einer von so vielen Boys, die ihr Verhalten nie reflektieren weil ihre Rolle in der Gesellschaft das eben nicht vorsieht. Der gelernt hat, dass Frauen* ihm „seinen“ Raum geben müssen. Diese Anspruchshaltung ist leider gewohnter Alltag, über so etwas regt eins sich schon gar nicht mehr auf.

Was dann aber an der Türe geschah war einfach zu viel.

Er stieß den Türflügel so brutal auf, dass er weit aufflog (auch hier wieder männliche Anspruchshaltung: keine Rücksicht auf öffentliches Eigentum). Der Typ ging durch die offene Türe, hinter ihm folgte eine Kommilitonin* – der die Türe beinahe ins Gesicht geknallt wäre, wenn sie nicht die Hände vor den Kopf gehalten hätte. Sie wurde von der Wucht beinahe umgeworfen! Und der Kerl? Hat er dafür gesorgt, dass die Türe nicht irgendwen niederknallt? Hat er sich entschuldigt? Hat er sich wenigstens umgedreht? Guess what: nope. Dieser Privilegienpenis ist einfach weitergegangen als wäre da nichts geschehen. Rape culture at its best. Die Männchen können einfach machen was sie wollen, auch billigend die Verletzung von Frauen* in Kauf nehmen – sie wissen das Patriarchat hinter sich. Dabei hätte es ihn NICHTS gekostet einfach nur die Türe aufzuhalten.

Diese Wut. Sie musste sich einfach wegdrehen, auf den Weg zur U-Bahn, sonst würden wieder alle Tische im veganen Restaurant besetzt sein. Um sich auf andere Gedanken als diesen Arsch zu bringen zog sie das iPhone aus der Tasche und stöpselte sich Pussy Riot in die Ohren: pures empowerment, starke Frauen* – deren einziges „Verbrechen“ es war dem Patriarchat einen Spiegel vorzuhalten. Mit dem Hören dieser Musik demonstrierte sie Solidarität und Widerstand. Und So konnte sie besser nachdenken.

Aber da war er immer noch, dieser Testosteronkotzbrochen. Nur einer von vielen, die tagtäglich die strukturelle Unterdrückung von Frauen* neu re_produzierten: Frauen* wurden belächelt, nicht für voll genommen, herablassend behandelt, waren Menschen zweiter Klasse. Die „old boys clubs“ sorgten dafür, dass Frauen* nicht aus ihrer Rolle in der patriarchalen Gesellschaft ausbrechen konnten: Kerle bevorzugten immer Kerle, wenn es darum ging Führungspositionen zu besetzen, Machtressourcen aufzuteilen oder Geldtöpfe auszuschütten. Die gläserne Decke, sie war Realität. Aber mittlerweile durchschaute sie es.

Gemeinsam mit anderen Mitstreiterinnen und den wenigen Allies (Dudes, die es endlich kapiert hatten) kämpfte sie dagegen an, boten den gesellschaftlichen Repressalien die Stirn, zeigten den strukturellen Sexismus auf. Sie trafen sich oft auf der Uni, im Safe Space – dem offenen Raum für Begegnungen am Institut für Gender Studies. Dort hatte sie auch die Pussy Riot compilation her. Gemeinsam gingen sie auf Demos und Vorträge, kämpften auch an der digitalen Front: auf Facebook, Twitter und in Blogs gegen Sexismus, Rassismus Trans- und Homophonie. Dort war es besonders schlimm: der Hass und die Gewalt, die ihr täglich von Maskus und Nazis entgegen geschleudert wurden, feige aus dem Schutz der Anonymität im Internet. Es war nicht leicht das auszuhalten, hatr.org sang davon ein Lied. Ihr Ex hatte es auch nicht verstanden. Sie war sehr enttäuscht gewesen als er ihr deutlich zeigte, dass ihn ihr neues Selbstbewusstsein verunsicherte: enttäuscht von ihrer eigenen Menschenkenntnis.

Sie war an der U-Bahn Station angekommen und steuerte auf die Rolltreppe zu, vorbei an dem Schild auf dem stand „Rechts stehen, links gehen„. Sie nahm sich vor, über den Rassismus zu bloggen, der von diesem Schild tropfte: täglich mussten doch viele people of color an diesem Schild vorbei. Und es schrie sie an, rieb ihnen unter die Nase dass es OK wäre „rechts zu stehen“?! Eine Kampagne auf Twitter und Tumblr, die solch problematische Schilder thematisierte, war überfällig. Der Gesellschaft musste die Augen geöffnet werden.

Seit sie ein Teil der Bewegung war, seit sie sich selbst als aktive Feministin bezeichnete, hatte sie ihren Blick auf die Gesellschaft geschärft: der strukturelle Sexismus war überall, das konnte sie jetzt sehen. Rassismus, Trans- und Homophobie waren plötzlich wieder „gesellschaftsfähig“. Die Macht der Männchen durchdrang die ganze Gesellschaft, sie war so davon getränkt, dass sich weiße alte Männer gar nicht mehr darüber bewusst sein mussten, welche Privilegien sie hatten. Patriarchalische Strukturen und struktureller Machterhalt war überall: in der Sprache, in Verkehrsschildern, Fernsehwerbung, Schulbildung bis hin zu beruflichen Möglichkeiten der Frauen*. Das schlimmste aber war, dass sogar viele Frauen* da vermeintlich freiwillig mitmachten! Im falschen Glauben, dass sie ihrem eigenen Willen folgten, mussten sie ein Lebensmodell gut heißen, das dem Patriarchat diente. Die Anzahl der so vom Stockholm-Syndrom eingenommenen Frauen*, die unter den heteronormativen Geschlechterrollen litten ohne es zuzugeben war enorm!

Am unteren Ende der Rolltreppe angekommen konnte sie schon wieder diese Typen sehen, die den ganzen Tag da zu sein schienen und sich mit ihrem male gaze aufdrängten. Auch hier war es wieder: nur Männer, die sich trauen können in aller Öffentlichkeit ihre Obdachlosigkeit zu feiern. Frauen* müssten sich schämen, für sie wäre es ein gesellschaftliches Stigma.

Sie hörte wie ihre U-Bahn in die Station einfuhr und begann schneller zu laufen, es würde knapp werden. Sie schaffte es gerade zum Zug, als das Signal ertönte und die Türen sich wieder schlossen – nur die hinterste Türe, die ihr am nächsten war, nicht: ein Macker stemmte seinen Oberarm in den Türspalt, die Hand zur Faust geballt. Er könnte genau so gut auf seine Brust trommeln und laute Brunftschreie ausstoßen, dieser Boy. Sie schaffte es gerade noch durch die Türe, aber musste unter seinem Oberarm hindurch. „Hat er geschickt eingefädelt“ dachte sie und spürte wieder diese Wut aus dem Bauch aufsteigen. Im Augenwinkel sah sie ihn lächeln, diesen Macho, sich seiner Macht und ihrer Erniedrigung durchaus bewusst, er als „starker Kerl“ hilft einer armen schwachen Frau, rettet ihr das Leben, dieser Arsch. Was für ein Chauvinist, wohl irgendwo in den 70ern hängengeblieben. Und sie hatte es verdammt noch mal zu erdulden – again.

Wichtigtuer“ dachte sie sich, und beinahe hätte sie es laut gedacht. Stattdessen verschwand sie im hinteren Teil des Waggons und zückte noch mal ihr iPhone: der Tägliche Kampf gegen den Alltagssexismus musste weitergekämpft werden. Sie hatte einen #Aufschrei zu twittern.

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Über Martin Domig

Uh yeah. THAT guy.
Dieser Beitrag wurde unter Feminismus, Fiktion abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Anleitung zum Unglücklichsein

  1. Bud schreibt:

    Sehr schönes Psychogramm eines Feminismusopfers. Es ist vielleicht als Satire gemeint, aber klingt sehr plausibel.

    Gefällt 1 Person

    • Martin Domig schreibt:

      Das ist ja das Erschreckende daran: was viele Leute als Satire verstehen, wird dort tatsächlich ernst genommen. Ich trau mich schon über so manchen Witz gar nicht mehr lachen, ohne dass ich mich vorher vergewissert habe dass es nicht ernst gemeint war. Erzählmirnix z.B. schrammt regelmäßig so knapp an dieser Grenze entlang, dass man meinen könnte sie meint es ernst.

      Jetzt warte ich nur noch ab, bis ein Awareness-Programm für die „Rechts Stehen“-Schilder auftaucht. Es würde mich nicht mal wirklich überraschen wenn es das schon gibt.

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      • Bud schreibt:

        I know, what you mean. Hab auch schon Artikel in feminismuskritischen Blogs dahingehend kommentiert, daß ich beim besten Willen nicht mehr unterscheiden kann, ob das ernst gemeint ist oder Satire. Könnte tatsächlich bei erzaehlmirnix gewesen sein.

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  2. man.in.th.middle schreibt:

    Tolles Stück Prosa. Großes Kompliment.Das ist in der Liga von EMNs besten Stücken. Eine „fast realistische“ Kurzgeschichte bringt manchmal mehr als lange trockene Analysen.

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  3. Stephanus schreibt:

    sehr prosaisch geschrieben

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  4. Pingback: In der Schublade verlinkt | Flussfänger

  5. Pingback: #Aufschrei ohne Echo | Flussfänger

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