Das schreckliche N-Wort

Die Angst geht um, die Angst vor einem einfachen Wort. Es ist ein schreckliches Wort, das weder ausgesprochen noch ausgeschrieben werden darf. Man traut es sich kaum zu flüstern, aus lauter Furcht dass etwas schreckliches passieren könnte. Es, dessen Klang niemals laut ausgesprochen werden darf, nie geschrieben werden darf, wird nur im äußersten Notfall verwendet.

Voldermort„Er hat Voldermort gesagt!“

Und genau damit, genau durch diese ehrfürchtige Furcht, gibt man diesen zwei Silben des N-Wortes noch mehr von dieser schrecklichen Macht, die es jetzt schon zu haben scheint. Nur wenn es unabwendbar ist wird es benutzt. Menschen kauern sich dann in dunkle unbeobachtete Ecken, schauen argwöhnisch über die Schulter um zu sehen ob auch ja niemand in Hörweite ist, um dann – ganz vorsichtig – dem Gesprächspartner diese schrecklichsten zwei Silben ins Ohr zu hauchen, unter der ständigen Angst vor dem schrecklichen Unheil, das durch das Aussprechen des N-Wortes über sie und die Welt hereinbrechen könnte.

Sie haben Angst vor den Folgen, Angst vor der sozialen Ächtung die der Gebrauch dieses Wortes mit sich bringen würde. Denn die gerechtesten unter den Gerechten, die tolerantesten unter den Toleranten können keine Welt akzeptieren, die den Gebrauch einzelner handverlesener Wörter erlaubt. Man fürchtet, durch das Aussprechen dieses Wortes könnte man schlagartig zu einem schlechten Menschen werden. Die dunkle Macht könnte von einem Besitz ergreifen. Der schwarze Lord aus einer schrecklichen Vergangenheit könnte wiedererwachen. George Orwell hätte es nicht besser beschreiben können, als Deldenk (Gedankenverbrechen) das man schon allein durch das Denken bestimmter Worte begeht. Das N-Wort gehört sicherlich in diese Kategorie.

Aber wisst ihr was? Jeder Mensch kann zaubern, nicht nur der dunkle Lord Voldermort aus der schrecklichen Vergangenheit. Jeder kann dem Wort alles schreckliche nehmen, die Leute von der Angst davor befreien dass die dunkle Macht über die Welt hereinbricht wenn man es mal unachtsam benutzt, dieses N-Wort.

Nämlich genau indem man das tut: es unachtsam benutzen, so wie jedes andere Wort auch.

Neger.

Sag es mal laut vor dir her: Neger. Nein, ehrlich – sei nicht schüchtern, keine falsche Angst – es wird kein Loch im Boden aufgehen das dich verschlingt und die Welt in ewige Finsternis stürzt. Sag es, laut. Neger. Oder denk es wenigstens so laut du dich traust: Neger.

Na also, geht doch! Und? Hast du jetzt Rassismus re_- oder produziert? Bist du jetzt ein schlechterer Mensch geworden? Ist es jetzt schwärzer geworden in deiner Seele? Geht die Welt unter? Dachte ich mir. Nichts ist passiert. Du hast nur einem Wort die Macht genommen.

Das Böse verliert seine Macht, wenn man ihm in die Augen sieht.

Das einzige was du jetzt vielleicht beobachtest sind vereinzelte Berufsempörte, die nach Luft schnappend ganz entsetzt darüber sind, dass es jemand gewagt hat sich über sie hinwegzusetzen und Dinge zu denken und sagen, die so nicht von ihnen abgesegnet waren. Die Agenten der Orwell’schen Gedankenpolizei, die es irgendwie aus dem Buch in unsere Gesellschaft geschafft haben und die jetzt gerade kreidebleich feststellen, dass sie  nicht mehr die höchste Instanz über Gut und Schlecht vertreten. Und wenn man so darüber nachdenkt stellt man vielleicht sogar fest, dass sie das auch nie getan haben.

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Über Martin Domig

Uh yeah. THAT guy.
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16 Antworten zu Das schreckliche N-Wort

  1. Max Kuckucksvater schreibt:

    Den Réflex hatte ich für auch – dieses N-Wort schüttelte mich. Das war erst einmal schwer für mich, als ich dann in Kolumbien die ganze Zeit ‚Negro‘ zu hören bekam und auch noch im Freundeskreis einer einfach nur ‚el negro‘ genannt wird und sich auch selber so nennt.
    Aber im Deutschen bleibe ich auch weiterhin von dem N-Wort fern – es schüttelt mich doch immer noch, wenn auch weniger.

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  2. Nuche Noche schreibt:

    Hier eine kleine Mentalübung bezüglich des N-Worts:
    http://imgbox.com/abecD9UK

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    • Martin Domig schreibt:

      Schlauer Trick – Suggestion über Assoziation. So kann man Worte positiv oder negativ aufladen, was aber erst mal nichts mit dem Wort selbst zu tun hat.

      Denke an eine Urlaubsinsel in der Südsee. Denke ein Wort, das mit N anfängt.

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  3. Der Adler schreibt:

    Eine dunkle Macht.. Die Seele schwärzer geworden… Im Bezug auf das Wort Neger. Das ist schon ganz schlimm, was du hier tust!

    Ernsthaft: ich facepalme mir immer wieder die Schuppen aus den Haaren, wenn ich „N-Wort“ lese. Vor allem bei den sogenannten Triggerwarnungen. Was soll das? Menschen die Neger nicht lesen wollen, davon gar „getriggert“ werden, lesen „N-Wort“. Wo ist der Unterschied? „N-Wort“ bedeutet „Neger“, die Assoziation ist die gleiche! Trotzdem keine epileptischen Anfälle beim lesen solcher Warnungen. Obwohl das genauso unerwartet Auftritt, wie in einem Text nicht zensiert ohne TW.

    Naja, ich muss ja nicht alles verstehen!

    // Adler

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  4. Klaus schreibt:

    Ich habe es geschafft! Ich konnte das Wort sogar laut aussprechen!!
    Danke :).
    Oh, wartet mal kurz, es klingelt an der Tür, das Ministerium für gedankliche Reinheit, Dezernat R***ismus und Gender, will irgendwas…

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  5. elyziumblog schreibt:

    Da die People of Color, die ich bisher traf, das Wort alle als beleidigend empfunden haben, sehe ich auch keinen Grund, es benutzen zu müssen. N* hat auch keinen wissenschaftlichen Wert, und in der Umgangssprache sowieso nicht.

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    • Ronald.Z schreibt:

      „PoC“ oder „WoC“ finde ich persönlich viel kruder als „Neger“; ich muss dann immer gleich an „Wog“ denken; eine Abkürzung, die ja nun auch nicht durchgehend positiv besetzt ist;-).
      http://en.wikipedia.org/wiki/Wog

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      • elyziumblog schreibt:

        PoC ist in dem Fall ein Begriff, den die Personengruppe für sich selbst akzeptiert. Er ist natürlich inhaltlich falsch, weil die gemeinhin „Weißen“ die eigentlich Farbigen sind (Quer durch den Garten, Haut, Augenfarben etc), aber es ist nachweislich ein Wort, das im 18. Jahrhundert eng mit dem Kolonialismus Einzug in die Umgangssprache gefunden hat. Grundsätzlich muss jeder selbst entscheiden, welches Wort er verwendet, ich für mich habe aber entschieden, dass ich kein Wort benutzen möchte, dass einen eindeutig kolonialistischen Kontext entstammt.

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      • stefanolix schreibt:

        PoC heißt in einem Wort übersetzt: Farbige. Oder: Bunte. Wir Menschen sind im Grunde alle Farbige: manche sind heller und manche dunkler. Reines Weiß und reines Schwarz gibt es als Hautfarbe nicht. Deshalb ist der Begriff »Neger« (»Schwarzer«) sachlich falsch – im Grunde genauso falsch wie »Weißer«.

        Ich will mir aber nicht von Sprach-Totalitaristen vorschreiben lassen, wie ich damit umzugehen habe. Es kommt immer auf den Ton und auf den Kontext an. Einen Bedeutungswandel haben schon ganz andere Worte erfahren: Vor Jahrzehnten war »Gay« noch ein Schimpfwort, heute ist es eine allgemein anerkannte Bezeichnung.

        Ich schreibe ja auch keinem Afrikaner oder Chinesen vor, wie er uns als Deutsche nennen soll. Sicher gibt es in den afrikanischen Sprachen und in den chinesischen Sprachen eine Menge Bezeichnungen für Mitteleuropäer – manche sind sicher auch abwertend und andere aufwertend. Den Afrikanern mag unsere Blässe merkwürdig erscheinen, den Chinesen die Form unserer Nasen. Es ändert doch aber an meinem Selbstbewusstsein nichts, wie die anderen mich benennen. Ob man in anderen Kulturen meine Haut zu blass oder zu hell findet und daraus eine treffende Bezeichnung macht, ändert an mir (und für mich) gar nichts.

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      • Ronald.Z schreibt:

        @elyziumblog
        Würde ich nicht behaupten, dass „PoC“ durchgehend in der bezeichneten Personengruppe akzeptiert ist. Vielleicht bei ein paar Aktivisten. Einer meiner Kumpels hat einen Vater aus Westafrika, wenn ich den als „PoC“ bezeichnen würde, käme der sich schlicht und ergreifend verarscht vor.

        @stefanolix
        Zustimmung!

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        • Martin Domig schreibt:

          Wenn wir jetzt schon mal dabei sind: Wenn Neger nicht verwendet werden darf, die Übersetzung vom lateinischen Neger ins Deutsche („Schwarze“) auch nicht geht, die deutsche Übersetzung von PoC („Farbige“) auch nicht geht und ich keinen kruden Anglizismus in meiner Alltagssprache verwenden möchte, was bitteschön ist dann eigentlich das derzeit politisch anerkannt korrekte deutsche Wort (eines!) für Neger? Gibt es überhaupt noch eines, oder verschwindet die Tatsache, dass es Leute mit unterschiedlichen Hautfarben gibt, schön langsam aus dem deutschen Wortschatz?

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  6. user unknown schreibt:

    Die Argumentation verprügelt einen Strohmann.

    Natürlich gibt es keine bösen Worte.

    Wörter stehen in einem Kontext und je nach Kontext gibt es verschiedene Alternativen. Ich bin auch noch groß geworden mit dem Lied der Zehn kleinen Negerlein, und meine Eltern waren nicht aggressiv oder explizit rassistisch. Sie waren aber ziemlich unbeleckt von der ganzen 68er Bewegung und in der Provinz. In meiner Schule mit 800 Leuten rund erinnere ich mich nicht, dass es da anfangs einen dunkelhäutigen Jungen gegeben hätte. Ja, das war auch anfangs noch eine reine Jungenschule, öffnete sich aber gerade und wurde nur zögerlich angenommen. Später gab es einen dunkelhäutigen, und natürlich wurde der begafft wie das 7. Weltwunder – schön war das für den sicher nicht.

    Jetzt habe ich viele dunkelhäutige Menschen in meiner Umgebung und da spielt es eine Rolle für mich, wenn diese nicht als Neger bezeichnet werden wollen. Also mach‘ ich es nicht. Subtiler zu erklären ist sicher, dass die Notwendigkeit über Hautfarben zu sprechen eigentlich selten gegeben ist, außer man redet vielleicht über Rassismus oder über Hautfarben. Aber wieso sollte ich dunkelhäutige Fußballspieler in der Nationalmannschaft thematisieren wollen?

    Oh – ich könnte zur Identifikation, um nicht immer „Boateng“ zu sagen ein anderes Wort wählen. Aber wieso eines, das von diesem wahrscheinlich als beleidigend aufgefasst wird? Ich erinnere mich, dass von Hoeneß als „dem Blondschopf“ die Rede war – auch eine Äußerlichkeit, aber ohne beleidigende Konnotation. Der Begriff Neger ist lange abwertend gebraucht worden, wenn auch nicht von jedem, aber wenn man nicht mit jedem, der das Wort verwendet von vorne diskutieren will, und dessen persönliche Biografie durchleuchtet – woher er das Wort hat, und wie er es immer verwendete, dann ist es leichter das Wort zu tabuisieren.

    Das Tabu so weit zu treiben, dass man in der Diskussion des Wortes selbst dieses tabuisiert ist m.E. übertrieben und führt zu kuriosen, absurden Situationen. Das hat man aber in der Gesellschaft häufig, dass sich die Prozesse verselbständigen, und dass Leute, die die Diskussion am Anfang nicht mitbekommen, sondern nur das Fazit einer solchen, den Erkenntnissen gegenüberstehen als wären es Dogmen.

    Es gibt aber hier kein Dogma. Der Grund, das Wort Neger nicht zu verwenden ist wohlbegründet und soll ruhig hinterfragt werden. Dass es schädlich ist, einfach nur zu glauben, dass es gut sei, das Wort nicht zu nutzen ist falsch und dumm. Wer es nicht weiß soll es diskutieren – das ist besser als wütend zu werden aus dem undeutlichen Gefühl, dass einem willkürlich Grenzen gesetzt werden, womöglich auf Leute, die einem nie was verboten haben, sondern denen man es nur insgeheim unterstellt.

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  7. Gozzo Gozzoli schreibt:

    Ich kann mich user unknown nur anschließen. Auch ich habe den Begriff Neger völlig neutral erworben und verwendet. Entsprechend habe ich mich wie Filbinger gewehrt, dass es nicht falsch sein kann, was bisher immer richtig war.

    Das Aha-Erlebnis bekam ich nicht von Filbinger, sondern von sprachwissenschaftlichen Freunden. Die Bedeutung von Begriffen ist in einer Sprache nicht statisch, sondern verändert sich. Sobald Sätze wie: „ich mach Dir doch nicht den Neger!“ verwendet werden und von allen verstanden werden, hat der Begriff Neger seine Neutralität verloren und ist zum Herabwürdigen geeignet. Damit scheidet er zumindest für Menschen, die Personen oder Personengruppen nicht verletzen wollen, wieder aus dem aktiven Sprachschatz aus.

    Noch zwei Anmerkungen dazu:
    Erstens dauert das, weil nicht jeder sofort die diskriminierende Verwendung des Begriffes wahr nimmt.
    Zweitens ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis der Respekt der gefundenen Ersatzbegriffe wieder schwindet, und diese auch wieder diskriminierend verwendet werden und wieder ein neuer Begriff gesucht werden muss.

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