Der Sinn des Lebens?

Berufstätigkeit bringt Unabhängigkeit. Karriere gibt Selbstwertgefühl. Selbst verdientes Geld eröffnet Möglichkeiten. Erwerbstätigkeit ist der Idealzustand jedes Erwachsenen. Arbeit gibt dem Leben einen Sinn. Durch Karriere bekommt man Prestige und Anerkennung, sie ist der Weg zum Glück.

Der moderne Mensch bringt alles locker unter einen Hut: Arbeit, Haushalt, Familie, Partnerschaft. Und sieht dabei noch jung und dynamisch aus, mit perfekter Frisur, High Heels und ohne Kinderkotze auf der Bluse. So wie im Fernsehen.

Nivea Deo

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geistert als Gesellschaftsziel durch die Lande, gilt unhinterfragt als zu erstrebender Idealzustand. Ihr Fehlen gilt als eines der größten Probleme, neuerdings sogar in der Bundeswehr. Arbeit und Karriere machen glücklich, sind sinnstiftend, selbstverständlich auch für Frauen von heute. Sie wollen auch etwas von dem Lebensglück, das für lange Zeit nur Männern vorbehalten war.

Aber was hatten diese Männer am Ende wirklich von ihrem ach so sinnerfüllten weil arbeitsreichen Leben? Bronnie Ware hat sie gefragt – und erhielt eine ernüchternde Antwort.

Sie arbeitete viele Jahre lang in der Palliativpflege, wo sie mit sterbenden Menschen in den letzten Wochen ihres Lebens sprach. Irgendwann bemerkte sie, dass ihre Patienten immer und immer wieder das gleiche sagten, wenn man sie danach fragte was sie an ihrem Leben bereuen würden. Zu den 5 häufigsten Antworten hat sie ein Buch verfasst, in dem das ausgebaut wird was schon auf ihrer Homepage steht.

Für besonders bemerkenswert halte ich die Nummer 2 auf ihrer Liste:

I wish I didn’t work so hard.

This came from every male patient that I nursed. They missed their children’s youth and their partner’s companionship. Women also spoke of this regret. But as most were from an older generation, many of the female patients had not been breadwinners. All of the men I nursed deeply regretted spending so much of their lives on the treadmill of a work existence.

By simplifying your lifestyle and making conscious choices along the way, it is possible to not need the income that you think you do. And by creating more space in your life, you become happier and more open to new opportunities, ones more suited to your new lifestyle.

Alle männlichen Patienten wünschten sich auf dem Sterbebett, dass sie weniger gearbeitet und mehr Zeit mit der Familie verbracht hätten. Jeder bereute es, so viel Zeit als Zahnrädchen in der Erwerbstätigkeit verlebt zu haben. Jeder.

Die Frankfurter Allgemeine schlug neulich in eine ähnliche Kerbe:

Angeblich müssen in diesem Land beide Teile eines Bildungselite-Paars Vollzeit arbeiten, um über die Runden zu kommen. Das ist falsch. Richtig ist, dass in diesem Land beide Teile eines Bildungselite-Paars Vollzeit arbeiten müssen, um exakt dasselbe Leben mit Kindern führen zu können wie ohne. Wer das wirklich möchte, hat nichts verstanden. Denn darum geht es nicht. Und deshalb ist auch das Gerede von Kind oder Karriere im Prinzip überflüssig. Wer viel Zeit mit seinen Kindern verbringen will, wird weniger Karriere machen. Nehmt es endlich hin.

Ist der Sinn des Lebens wirklich die Erwerbstätigkeit? Jedenfalls scheinen das viele zu glauben, denn so wird es uns verkauft. Aber eine echte Vereinbarkeit von Familie und Beruf gibt es nicht, jedenfalls nicht ohne schmerzliche Abstriche bei einem von beiden. Es hat sie nie gegeben, auch nicht für Männer. Und es wird sie nie geben.

Diese seligmachende Berufstätigkeit ist eine Illusion. Dass das Leben durch Karriere lebenswerter wird, dass nur Erwerbstätigkeit sinnstiftend ist, dass Menschen sich auf dem Sterbebett wünschen, dass sie doch noch mehr für die Firma getan hätten. Auch diese Illusion wurde uns verkauft, geschickt verpackt als Ideal, als Traum. Ein Albtraum, wenn man Bronnie Wares Patienten glauben darf.

Und so wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch jedes Dorf getrieben, von jedem Politiker gepredigt, von jedem Fernsehsender wiederholt. Bis es alle glauben und dazu bereit sind, vieles für diesen Albtraum zu opfern. Sogar die Verantwortung, die erwachsene Menschen selbst für sich tragen. Und sogar unsere Kinder.

Man ist immer noch nicht im Vorstand des DAX-Konzernes? Wenn man zufällig eine Frau ist liegt das Versäumnis woanders, also hilft die Quote nach. Mit Kindern kann man nicht das gleiche Leben führen wie ohne? Wer konnte das ahnen, uns werden ja dauernd Vorbilder vor die Nase gesetzt die das erfolgreich schaffen! Aber wozu gibt es schließlich Ganztagsschulen. Oh, die Kinder sind noch gar nicht schulpflichtig? Na dann eben der Ganztagskindergarten. Auch dafür noch zu jung? Dann halt die Kindertagesstätte, am liebsten gleich schon nach der Geburt, ist eh besser für die Entwicklung sagt man. Und davor gilt dann ja das „Selbstbestimmungsrecht“ der Frau, neuerdings auch gerne bitte bis unmittelbar vor der Geburt. Natürlich nur falls „die Pille danach“ nicht geholfen hat, nach einer heißen aber selbstverständlich unverbindlichen Nacht mit einem der mindestens halbjährlich wechselnden Lebensabschnittsbegleiter. Heutzutage spielen wir wünsch-dir-was, in einer Welt in der keine Entscheidung dauerhafte Konsequenzen haben muss. Besonders dann nicht, wenn die Konsequenz wäre, dass man sich nicht mehr ungehindert in der Erwerbstätigkeit selbst verwirklichen kann.

Die Realität aber funktioniert anders, und sie holt uns immer ein. Je später desto härter. In ihr gibt es eine Regel: man muss sich selbst entscheiden, und dann als erwachsener Mensch verdammt noch mal die Konsequenzen dieser Entscheidung auch selbst verantworten und tragen. Aber in einer Zeit, in der die Bedürfnisse des Einzelnen Vorrang haben, in der Selbstverwirklichung mehr wert ist als alles andere, in dieser Zeit gilt das als antiquiert. Alles ist beliebig, nichts hat Konsequenzen, nichts darf Konsequenzen haben – besonders nicht für die ohnehin so stark benachteiligte Hälfte der Menschheit bitteschön.

So spielen wir ein naives wünsch-dir-was und ignorieren dabei die Rechte derjenigen, die unseren Schutz am dringendsten brauchen: unsere Kinder. Sie haben keine Lobby, die uns Erwachsenen werbewirksam Verantwortungsgefühl ihnen gegenüber verkauft. Im Gegenteil: uns werden Kinder als Belastung vermarktet, für die man sich entweder gleich im Sinne der „Selbstbestimmung“ gar nicht erst entscheidet, die man möglichst früh in Fremdbetreuung gibt – und so vom wichtigsten trennt das ein Mensch für seine Entwicklung unbedingt braucht.

Damit wir ihn weiter suchen gehen können, den Sinn des Lebens, irgendwo zwischen den vielen zerschundenen Zahnrädchen in der Erwerbstätigkeit. Vielleicht sogar in irgendeinem DAX-Konzern.

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Über Martin Domig

Uh yeah. THAT guy.
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5 Antworten zu Der Sinn des Lebens?

  1. anonym schreibt:

    danke mehr gibt es nicht zu sagen

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  2. St. Elmo schreibt:

    Genau dieses „…hätte vielleicht weniger Arbeiten sollen….“ sagt heute mein Vater wenn er mit seinen Enkelkindern spielt.

    Ein Tag hat 24 Stunden und die Zeit die man bei der Arbeit ist kann man nunmal nicht mit seinen Kindern verbringen. Von daher hat Kind und Karriere auch bei Männern nie funktionert.

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    • Martin schreibt:

      Auf der anderen Seite ist diese Rückbetrachtung völliger Schwachsinn. Man hatte damals Gründe für das was man getan hat und normalerweise waren das gute. Und man würde in derselben Situation auch nicht anders handeln. Das man später andere Voraussetzungen, andere Prioritäten usw. hat, ist natürlich. Aber das macht das nicht unbedingt richtiger.
      Opa hätte z.B. vielleicht gar keine Enkel mit denen er spielen könnte, wenn er damals weniger gearbeitet hätte.

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  3. LoMi schreibt:

    Ich habe einen Einwand. Laut den letzten Shell-Studien halten die Jugendlichen das Ideal von Familie bzw. einer echten Dauerpartnerschaft sehr hoch. Das ist zumindest mein Stand, vielleicht von 2009 oder 2010. Vielleicht hat sich das wieder geändert. Falls der Stand aber noch gilt, dann übernimmt die junge Generation erheblich mehr Verantwortung als meine es seinerzeit tat. Meine Generation pflanzt sich erst im 5. Lebensjahrzehnt fort. Die jungen Leute von heute fangen sehr viel früher an. Es ist also ein wenig ungerecht, „heutzutage“ immerfort einen negativen Trend zu sehen. Das geht an der Wirklichkeit vorbei.

    Es stimmt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein Problem. Berufsleben ist nicht wirklich immer nur Leben im eigentlichen Sinne. Aber das ist nicht die Schuld des Hedonismus der jungen Leute. Letztlich ist es der Kassiererin bei Aldi schnuppe, was die Akademiker so treiben. Sie MUSS arbeiten, weil sie nur als Doppelverdiener halbwegs ihre Miete zahlen können (zumindest hier in Berlin).

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  4. Pingback: Familienfreundlicher Militarismus und andere mediale Verzückungen (Monatsrückblick Januar 2014) – man tau

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