Haben Sie Kinder erzogen?

In den letzten Monaten behelligte die österreichische Pensionsversicherungsanstalt (PVA) 2.4 Millionen Arbeitnehmer der Jahrgänge 1958 bis 1990 mit einem Fragebogen. Die wollen möglichst vollständige Lebensläufe der Versicherten, haben aber nur unvollständige Daten. Als gelernter Österreicher ist man gewohnt, dass eine Behörde keinen Schimmer von den Daten hat, die in der Behörde gleich nebenan vorliegen.

Ein Beispiel: Wer staatlich verordnete Studiengebühren bezahlte, darf nicht davon ausgehen, dass die PVA weiß, dass man im fraglichen Zeitraum auch studierte. Und in diesem Fragebogen galt es auch insbesondere Ausbildungs- und Betreuungszeiten nachzutragen.

flickr / Dennis Skley, http://www.flickr.com/photos/dskley/

So gesehen ist diese Fragebogenaktion eine beeindruckende Vorführung bürokratischer Unfähigkeit, typisch österreichisch. Wir sind eben nicht nur im Fußball schlecht.

Doch selbst als gelernter Österreicher runzelte ich die Stirn, als ich bei dieser Frage angekommen war:

Haben Sie Kinder in Österreich, der Schweiz oder in einem EU/EWR-Staat erzogen? (Ja/Nein)

Ja, habe ich. Also auch angekreuzt. Aber dann steht darunter dieser Hinweis für männliche Versicherte:

Anspruch auf Anrechnung von Zeiten der Kindererziehung hat vorrangig die weibliche Versicherte. Wenn jedoch Sie selbst das Kind (die Kinder) tatsächlich und überwiegend erzogen haben, beantworten Sie bitte obige Frage.

Aha.

Was, bitteschön, heißt tatsächlich und überwiegend erzogen? Ich ging davon aus, dass ich in den Augen der PVA aufgrund meiner nicht-Weiblichkeit auch nicht tatsächlich in die Kindererziehung eingebunden war, geschweige denn überwiegend. Also strich ich das angekreuzte Ja durch und kreuzte stattdessen das Nein an. Schöne Grüße an den Sachbearbeiter, der jetzt aus diesem Geschmiere schlau werden muss.

Ich sehe das als eines von vielen Beispielen dafür, dass die gelebte Realität junger Familien heute noch nicht in den Köpfen der Geheimräte und Minister in ihren Kanzleien und Katastern angekommen ist, genau so wenig wie in den Köpfen vieler Gesetzgeber und Familienrichter.

Vielleicht ist es nur der österreichsiche Pragmatismus, der das Formular so gestaltet, dass es für die Durchschnittsfamilie von 1958 am besten passt. Damit ma se auskennt und ’s ned z’vül Frogn gibt.

Ich glaube es nur leider nicht, denn wie weit dieser Pragmatismus ging wurde mir erst klar, als ich den Fragebogen der weiblichen Versicherten sah: die haben nämlich einen ganzen Bogen mehr bekommen als männliche. Nämlich den zur Erfassung der Kindererzierhungszeiten.

Was, wäre es dem Pragmatismus geschuldet, eine beeindruckende Vorführung bürokratischer Meisterleistungen wäre.

Und die trau ich uns leider genau so wenig zu wie eine Qualifikation zur Fußball-WM.

Bild: Dennis Skley / flickr.

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Über Martin Domig

Uh yeah. THAT guy.
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