71% ist mehr als drei mal so viel

Der ORF glänzt wieder mal mit einer journalistischen Meisterleistung, diesmal zum WHO Bericht über Selbstmorde. Zitat:

Österreich: Suizidrate leicht über dem Schnitt

Die Suizidrate lag 2012 bei 11,4 von 100.000 Menschen. Die Länder mit den höchsten Quoten sind Guyana (44,2 auf 100.000), Nordkorea (38,5) und Südkorea (28,9). Auch in Sri Lanka und Litauen lag sie bei mehr als 28. Bei jungen Menschen von 15 bis 29 Jahren ist Suizid die zweithäufigste Todesursache. Am höchsten ist die Quote bei Menschen über 70 Jahren. Bei Männern ist jeder zweite gewaltsame Tod eine Selbsttötung, bei den Frauen sind es 71 Prozent.

Das klingt so, als ob die Selbstmordrate bei Frauen um einiges Höher wäre als bei Männern. Aber man muss ganz genau lesen: es geht um jeden zweiten gewaltsamen Tod. Mit anderen Worten: wenn eine Frau gewaltsam stirbt, dann ist es zu 71% ein Suizid, wohingegen bei Männern scheinbar nur jeder zweite Tod ein Selbstmord ist. Scheinbar bringen sich mehr Frauen um als Männer. Aber es geht weiter im Text…

In Österreich liegt die Suizidrate mit 11,5 von 100.000 leicht über dem weltweiten Schnitt. Auch hierzulande töten sich markant mehr Männer selbst. Anlass zur Hoffnung gibt allerdings der Rückgang zwischen 2000 und 2010 – dieser liegt mit minus 29,7 Prozent über dem weltweiten Schnitt.

Es töten sich markant mehr Männer selbst. Mehr Männer als… als Frauen? Als anderswo? Wieso fällt es so verdammt schwer klipp und klar hinzuschreiben, was auch sonst in keiner einzigen Berichterstattung über irgendeine Statistik fehlen darf, nämlich wie sich der untersuchte Gegenstand im Verhältnis von Männern zu Frauen verhält? Weshalb haben Journalisten nicht die Courage einfach hinzuschreiben, was die Statistik im Bericht hergibt? Was in der Überschrift stünde wenn es umgekehrt wäre?

Der geschlechterbezogene Aspekt dieses Dramas wird hier, eingepackt zwischen einer irreführenden Darstellung einer Selbstmordrate von 71% bei Frauen und einem Anlass zur Hoffnung, unter dem Bild einer trauernden, anscheinend weiblichen Person, in nur einem lapidaren Satz von gerade mal 8 Worten behandelt.

Da wird umständlich um die Zahl der  gewaltsamen Tode herumgetänzelt, denn da kann man schreiben dass die reißerisch hohe Zahl von 71% aller Frauen (!!!) durch Suizide sterben. Dass aber von 1319 Selbstmorden im Jahr 2012 in Österreich drei Viertel, genau 74,98%, von Männern begangen wurden, davon steht da nichts. Dass für jeden Selbstmord einer Frau gleich drei Selbstmorde eines Mannes vorkommen, davon steht da nichts. Das muss man selbst nachlesen, sich selbst durch den WHO Bericht wühlen, bis man auf einen Anhang mit den genauen Zahlen dazu stößt:

WHO Selbstmordstatistik Österreich, Deutschland und SchweizMan stellt fest, dass da nicht nur nach Geschlecht, sondern auch nach Alter gruppiert wurde.

Und spätestens jetzt müsste einem Journalisten die Kinnlade wirklich aus dem Gesicht fallen: die Selbstmordrate bei Jugendlichen und jungen Männern (15-29 Jahre alt) ist ca. fünf mal so hoch wie bei Mädchen und jungen Frauen. Bis 49 Jahre ist sie vier mal so hoch. Die Schlagzeile würde anders lauten, wenn das Verhältnis umgekehrt wäre. Aber von einer vielfachen Selbstmordrate von Jungs und Männern schreibt der ORF keine Silbe.

Dafür bleibt aber hängen, dass 71% aller gewaltsamen Tode bei Frauen durch Suizid zustande kommen. Einundsiebzig Prozent! Aber wie hoch muss dann die Anzahl der gewaltsamen Tode bei Männern sein? Wenn für jeden Suizid einer Frau gleich drei Selbstmorde eines Mannes vorkommen, und für jeden Selbstmord eines Mannes noch ein gewaltsamer Tod eines Mannes (theoretisch, ich weiss nicht ob diese Zahl für Österreich gilt, denn auch dazu steht nichts im Artikel), dann haben wir für jede Frau die sich selbst tötet gleich 6 Männer, die durch einen gewaltsamen Tod umkommen. Oder eine grob geschätzt vier mal so hohe Anzahl von gewaltsamen Toden bei Männern als bei Frauen.

Aber all das wird verschwiegen.

Und so wirken 71% in der Wahrnehmung des Lesers mehr als 300%, mehr als 400% und mehr als 600%.

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Über Martin Domig

Uh yeah. THAT guy.
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4 Antworten zu 71% ist mehr als drei mal so viel

  1. Roger schreibt:

    Das wird deswegen verschleiert, weil Suizidraten ein Indikator für gesellschaftliche Benachteiligung sind. Wer an der Macht ist, wer privilegiert ist, wie es ja immer über Männer heißt, müsste seltener in Situationen kommen, die derart auswegslos erscheinen, dass man sich das Leben nimmt. Würden sich Mädchen und Frauen häufiger umbringen, wären Feministinnen die ersten, die einem erklären würden, dass man die ganze Brutalität des „Patriarchats“ daran ablesen kann, wie es Frauen systematisch in den Suizid treibt.

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    • Martin Domig schreibt:

      Ja, soweit würde das die Theologie eines Feministen diktieren.

      Was mich dabei ärgert ist, dass der ORF scheinbar auf diesem Auge völlig Blind ist. So wie der Artikel aufgebaut ist könnte man auch durchaus Absicht unterstellen; ich unterstelle aber zum Schutz der Schuldigen eher Unfähigkeit.

      Wenn ich böse wäre, könnte ich rhetorisch Fragen, was diese Zahl von 71% aller gewaltsamen Tode von Frauen mit dem WHO Bericht über Selbstmorde zu tun hat, und die böse Antwort gleich mitliefern: Gar nichts. Es ist nur der einzige prozentuale Wert bezüglich Selbstmorden von Frauen, der höher ist als 50% – und nur deshalb steht er drin. Weil 25% halt nix für das in der Öffentlichkeit zu zeichnende Bild der Situation von Frauen her gibt.

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