Wie eine Droge

Ich beobachte jetzt schon eine ganze Weile den Netzfeminismus, ungefähr seit dem #Aufschrei und anderen Aktionen, wie z.B. #WerBrauchtFeminismus. Mich interessiert wie eine Ideologie wirkt, wie Menschen in sie hinein geraten, wie sie daraufhin mit anderen Menschen und mit Widerspruch umgehen. Wie sie sich durch eine Ideologie radikalisieren lassen können, und wie sie – sich im Dienste des Guten wähnend – alle Hemmungen verlieren.

Ich vermute, dass selbst die extremsten Persönlichkeiten, die ich bisher im Internet beobachten konnte, sich selbst im Recht und im Dienste einer guten Sache glauben. Es ist sogar eher so, dass dieser Glaube mit dem Extremismus zunimmt. Das ist aber kein exklusiv feministisches Phänomen, denn das selbe denken z.B. auch Nazis von sich. Es ist nur so, dass es sich am Feminismus besonders gut beobachten lässt, denn kurioser weise dürfen feministische Aktivisten sich öffentlich in jedes Extrem (teilweise bis zur Gewalttätigkeit) versteigen, ohne dafür gesellschaftlich sanktioniert zu werden.

Wer versteht, wie radikaler Feminismus in einer Gesellschaft funktioniert und warum er toleriert wird, der kann meiner Meinung nach auch nachvollziehen, wie die Nationalsozialisten an die Macht gekommen sind, wie dogmatische Ideologien zu totalitären Regimen werden können und wie daraus schlussendlich Kriege entstehen. Es gibt einfach zu viele Parallelen in den Funktionsmustern aller Ideologien, selbst wenn die Ideologien selbst unterschiedlicher kaum sein könnten.

Denn eines haben sie alle gemein, egal ob sie Feminismus, Kommunismus, Nationalsozialismus oder Religion heißen: sie wirken auf ihre Anhänger wie eine Droge.

Unter dem Einfluss des guten Gewissens und dem unwiderstehlichen Bedürfnis nach Zugehörigkeit entsteht eine Bewegung mit blindem Eifer. Sie bewirkt auf der einen Seite ein Hochgefühl, das Hochgefühl der Unschuld, des guten Gewissens und der Zugehörigkeit, das sich gleichzeitig aber blindwütig gegen andere richtet. Sie führt zur Todesbereitschaft, verbunden mit einem Vernichtungswillen anderen gegenüber, ohne dass diese anderen als Menschen in den Blick kommen. […]

Natürlich gibt es bei diesem Wahn Abstufungen, aber die Grundbewegung ist die gleiche. In ihr löst sich das eigene Selbst auf im Kollektiv der durch das gleiche gute Gewissen zur Überheblichkeit über andere verführten und ansonsten anonymen Gruppe. Das ist zugleich jene Bewegung, die zur Begeisterung führt. Auch in der Begeisterung ist die Wahrnehmung vermindert oder sogar aufgehoben und nimmt wahnhafte Züge an.

Wer sich aus der Menge der Begeisterten zurückzieht […] kommt in Gefahr, dass sich die noch Begeisterten gegen ihn wenden, als sei er ein Verräter, und er so zum Opfer dieses Konfliktes wird. Wieso? Weil er nicht mehr das gleiche gute Gewissen wie die anderen hat.

– Der Große Konflikt

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Über Martin Domig

Uh yeah. THAT guy.
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8 Antworten zu Wie eine Droge

  1. elmardiederichs schreibt:

    Vielleicht könntest du noch die Begründung dafür hinzufügen, warum nur radikaler Feminismus so funktioniert – schließlich legt das die Idee nahe, daß sich Maskulisten und die in irgendeinem Sinne richtigen Feministen auf gemeinsamer Basis treffen können.

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    • Martin Domig schreibt:

      Ich bin mir nicht sicher was du damit meinst, aber… ich glaube nicht, dass nur radikaler Feminismus so funktioniert, sondern jede radikale Bewegung. Also auch ein radikaler Maskulinismus. Ich denke aber, dass der radikale Feminismus derzeit sanktionsfrei in aller Öffentlichkeit agieren kann, also eine „Narrenfreiheit“ hat, die anderen Ideologien nicht zugestanden wird. Warum das so ist… nun, dazu habe ich ein paar Gedanken.

      Meiner Meinung nach können sich gemäßigte Anhänger aller Ideologien auf irgendeiner gemeinsamen Basis treffen. Seien es Feministen und Maskulinisten, Moslems und Juden oder Kapitalisten und Kommunisten. Vorraussetzung dafür ist die Fähigkeit, dem jeweils anderen Zugeständnisse machen zu können, was gleichzeitig bedeutet, den eigenen Standpunkt wenigstens ein Stück weit zu verlassen. Das erfordert aber eine bestimmte Qualität von Selbstsicherheit, die den Extremisten fehlt.

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      • elmardiederichs schreibt:

        „Also auch ein radikaler Maskulinismus.“

        Ist natürlich eine sehr starke Behauptung, die ich an deiner Stelle so angehen würde:

        i) Radikal ist eine Bewegung genau dann, wenn sie die Bedingungen x,y,z, erfüllt, weil ….
        ii) x,y,z sorgen dafür, daß ….
        iii) Radikaler Maskulismus gibt es, weil …
        iv) Radikaler Maskulismus erfüllt x,y,z.
        Also: Auch radikaler Maskulismus ist wie eine Droge,

        Soweit ich sehen kann fehlt es dir an i), ii), iii), iv) .

        „Warum das so ist… nun, dazu habe ich ein paar Gedanken.“
        Ich bin ganz Ohr. 🙂

        „Meiner Meinung nach können sich gemäßigte Anhänger aller Ideologien auf irgendeiner gemeinsamen Basis treffen.“

        Auch das ist natürlich eine absolut außergewöhlich starke Behauptung, denn sie besagt doch, daß Mäßigung (wie immer wie funktionieren mag)

        i) einen inhaltlichen, kleinsten gemeinsammene Nenner schafft – nennen wir ihn mal „KGN“
        ii) „KGN“ auf die Entscheidungen aller sozialen oder politischen Bewegungen stärker wirkt als alle sonstigen inhaltlichen Differenzen, die diese Bewegungen unterscheiden.

        Ich würde vermuten, daß das du damit den Schlüssel zur Beilegung aller Konflikte in den Händen hälst, einen historischen Durchbruch zeitigst, den der Rest der Menschheit schon seit Jahrtausenden vergeblich sucht,

        Ich meine – das wäre cool wie müßten dann nur noch Radikalität vermeiden und dann … oder stelle ich mir das an dieser Stelle zu einfach vor?

        Wie wäre es denn, wenn jeder ein wenig Kompromisse macht, so ein Stückchen Platz macht, muß das denn zwangsläufig zu einem Kompromiß führen? Kann es nicht passieren, daß alle sich ein wenig bewegen und trotzdem keine gemeinsame Basis entsteht?

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        • Martin Domig schreibt:

          Ja, ich finde ja auch dass ich den Friedensnobelpreis verdient hätte 😉

          Wie wäre es denn, wenn jeder ein wenig Kompromisse macht, so ein Stückchen Platz macht, muß das denn zwangsläufig zu einem Kompromiß führen?

          Muss es nicht, nein. Aber man erreicht umgekehrt ganz sicher keinen Kompromiß, wenn jeder auf seinem Standpunkt beharrt. Wenn nicht beide Seiten daran interessiert sind wird daraus nichts.

          Das ist leider auch das Problem an meinem Schlüssel für die jahrtausende alten Konflikte: er funktioniert nur, wenn beide Parteien an der Beilegung eines Konfliktes mehr Interesse haben, als an der beibehaltung ihres ideologischen oder religiösen Weltbildes.

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        • elmardiederichs schreibt:

          Ah, ich verstehe – vermutlich war mir das vorher nicht so klar: Dieses spezielle Konfliktmanagement gilt nur für idologische oder religiöse Konfrontationen?

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      • djadmoros schreibt:

        @Martin Domig:

        »Meiner Meinung nach können sich gemäßigte Anhänger aller Ideologien auf irgendeiner gemeinsamen Basis treffen.«

        Dispositionell gesehen dürften sich Anhänger aller Ideologien tatsächlich ähnlich sein. Das bedeutet aber nur, dass zwischen verschiedenen Ideologien ein Konvertitentum möglich ist, sofern die Bedürfnisstruktur des Anhängers dabei gewahrt wird. Extrembeispiel: Horst Mahler.

        Denn gesellschaftlich ist pro Epoche und Nation immer nur Platz für eine einzige hegemoniale Ideologie. Wenn zwei davon mit gleichem hegemonialen Anspruch aufeinandertreffen, gibt es Bürgerkrieg. Und zwischen einer hegemonialen und einer nicht-hegemonialen Ideologie gibt es in der Praxis keinen »common ground«, da bei gegebenem Machtgefälle nicht auf gleicher Basis diskutiert wird.

        Insofern scheint mir das Argument ein klassischer Fall von psychologischem Reduktionismus zu sein.

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  2. Graublau schreibt:

    Willkommen zurück! Ich denke, da liegt ein wesentlicher Irrtum: Der Glaube, wenn man bestimmten feministischen Strömungen recht gäbe, würde es endlich Ruhe geben. Das Gegenteil ist der Fall: Die Extremisten werden umso lauter, je mehr man ihnen entgegenkommt. Der „Nicht-gut-genug“-Feminismus hat als eine wesentliche Qualität, dass man es ihm eben nie recht machen kann.

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    • Martin Domig schreibt:

      Die Aufschreihälse werden dieselben nie voll bekommen.

      Worauf ich hinaus will ist ja nicht die Beilegung des Konfliktes mit dem Feminismus, sondern darauf, dass ich das gar nicht für möglich halte. Zumindest nicht mit radikalisierten Feministen – eben weil sie süchtig sind nach ihrer Droge, nach ihrem Feminismus, der sich ja genau durch den Konflikt „Unterdrückte gegen Unterdrücker“ definiert. Die haben gar kein Interesse an einer Lösung, sie wollen ihre Bewegung behalten, in ihr bleiben, ihren Rausch weiter geniessen. Jedes Entgegenkommen der „Unterdrücker“ würde nur mit noch extremeren Forderungen beantwortet, damit sie die unterdrückten bleiben können.

      Zumindest gilt das für die radikalisierten Feministen, die leider die lautesten sind und sich quasi zum Sprachrohr gemacht haben. Für die Feministen, die derzeit den öffentlichen Diskurs bestimmen.

      Das größte Problem des Feminismus ist meiner Meinung nach, dass eben diese süchtigen, radikalisierten Feministen zu lange toleriert wurden. Und mit ihnen wurde eine mehr oder weniger offene Misandrie und Menschenfeindlichkeit toleriert, die ihnen jetzt auf den Kopf fällt.

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