Kritik ist auch Wertschätzung

Wer ernst genommen werden will, muss mit Kritik umgehen können. Man kann nicht einerseits verlangen, als Erwachsener behandelt zu werden und andererseits jede Kritik mit Totschlagargumenten (wie zum Beispiel „Hass“ oder „Misogynie“) niederknüppeln.

Wenn ein kleines Kind einen krummen Strich auf ein Papier malt und dann sagt „schau Mama, eine Blume!“ Dann wird die Mama natürlich das Kind und die schöne Blume loben. Wenn dieses Kind erwachsen wird, und dann einen Strich auf einen Zettel malt und sagt „schau, eine schöne Blume!“ – dann gibt es drei mögliche Reaktionen: entweder der Betrachter hält den Maler für einen Idioten, dann wird er die schöne Blume loben und den Maler dazu. Oder der Betrachter ist selbst ein Idiot und hält den krummen Strich für eine Blume. Nimmt er sich selbst und den Maler jedoch ernst, dann wird er sich kritisch mit dem Kunstwerk auseinander setzen, und vielleicht fragen, warum der Maler hier eine Blume erkennt. Das hat nichts mit Hass oder mit Verachtung des Malers zu tun, sondern ist ein Zeichen der Wertschätzung, die der Betrachter gegenüber dem Künstler oder seinem Werk hat.

Das gleiche gilt, wenn z.B. eine Akademikerin im Internet irgendwelche Theorien postuliert, die sie durch nichts als durch weitere Theorien belegt. Eine Kritik daran zeigt zumindest, dass sich jemand damit auseinandergesetzt hat. Die Kritik kommt nicht weil sie eine Frau ist, sondern obwohl sie eine Frau ist – sofern das Geschlecht der Autorin überhaupt eine Rolle spielt. Weil sie ernst genommen wird. Wer diese Kritik als Misogynie oder als Hass abtut, der verlangt in Wahrheit, dass diese Akademikerin entweder als Kleinkind oder als Idiotin behandelt werden muss – nicht jedoch als Erwachsene, der Mann Kritik zumuten darf.

Wer für alles was er tut nur Lob und Jubel erlaubt, will wie ein kleines Kind behandelt werden – nicht wie ein ernst genommener Erwachsener. Er sollte sich dann aber nicht mehr wundern, wenn er irgendwann genau so behandelt wird.

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Über Martin Domig

Uh yeah. THAT guy.
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2 Antworten zu Kritik ist auch Wertschätzung

  1. elmardiederichs schreibt:

    „Wer ernst genommen werden will, muss mit Kritik umgehen können.“

    Der alte Kant war da noch extremer und vertrat die Auffassung, daß Strafe eine ehrenvolle Behandlung sei, daß sie annehme, daß der Bestrafte einsichts- und besserungsfähig sei.

    In der Wissenschaft sind die Gepflogenheiten übrigens noch eindeutiger: Das Schlimmste, was passieren kann, ist freundliches Desinteresse. Kritik hingegen ist eine Auszeichnung, da sie voraussetzt, daß der Nerv des aktuellen Forschungsstandes getroffen wurde.

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Warum ich es normal finde, dass es soviel “Antifeminismus” gibt | Geschlechterallerlei

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