Alles perfekt gegendert

Wenn man etwas oft genug gehört hat, wird es irgendwann zu vermeintlichem Allgemeinwissen. Ein Beispiel dafür ist der Gender Pay Gap: zwei mal im Jahr schießen die Medien aus allen Rohren, um uns das Märchen zu erzählen, dass Frauen für die gleiche Arbeit 22% weniger verdienen als Männer. Viele glauben es, obwohl es nicht stimmt. Oder das Märchen von der bösen Pharmaindustrie, die ADHS erfunden hat um uns Ritalin verkaufen zu können.

Zu solchen Themen haben die meisten Menschen einen Bezug, wodurch es ihnen möglich ist, das Märchen rational zu erfassen und selbst zu beurteilen, wie viel Wahrheit darin enthalten ist. Bei anderen Themen kann das Gegenteil der Fall sein: was richtig und falsch ist, kann unserem eigenen Empfinden zuwider laufen. Ein Beispiel dafür ist eine psychiatrische Abteilung in einem Krankenhaus, in der verwirrte Patienten über Nacht ans Bett gefesselt werden. Unser erster Instinkt: „Schlimm, die armen wehrlosen Menschen, eh schon verwirrt und werden vom bösen Personal gequält!“ Woran aber kaum jemand denkt ist, dass man damit die Patienten vor sich selbst schützt. Wenn die nämlich aufstehen und unbemerkt die Station verlassen, überleben sie die Nacht nicht. Weil sie eben verwirrt sind – und im Nachthemd erfrieren würden.

Psychotherapeuten und Psychiater haben beruflich sehr häufig mit genau solchen Dingen zu tun, die sich Laien nur schwer vermitteln lassen. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil in den mainstream-Medien genau diese Sachverhalte häufig falsch oder verzerrt dargestellt werden, die sich dann ähnlich falsch oder verzerrt als „Allgemeinwissen“ oder als „Bauchgefühl“ in den meisten Menschen verfestigen.

So ein „Allgemeinwissen“ ist auch, dass sexueller Missbrauch ausschließlich von männlichen Tätern begangen wird. Eingeprügelt wird es uns durch Fernsehspots wie diesen hier, oder durch eine Berichterstattung, die z.B. sexuellen Missbrauch durch Lererinnen an Schülern als Nachhilfeunterricht beschreibt („Sie brachte ihm das Sexmalsex bei„), bis hin zu Gerichtsverhandlungen, in denen selbst ein Staatsanwalt nicht von einem Verbrechen sprechen will, wenn eine 29 jährige Frau einen 13 jährigen Jungen verführt – undenkbar, wenn die Geschlechter vertauscht wären.

Eine Frau als Täter… Täterin? Bei sexuellem Missbrauch? Gibt es nicht.
Sollte man meinen.

Psychologen wissen, dass diese Darstellung von ausschließlich männlichen Tätern nicht der Realität entspricht, und es selbstverständlich auch Täterinnen gibt.
Sollte man meinen.

Nun aber wirbt ausgerechnet die Akademie der Vereinigung Österreichischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (VÖPP) wie folgt:

Die Begutachtung und Psychotherapie des Sexualstraftäters

Einführende Seminare für die/den Psychotherapeutin/en

Die Spezialisierung im Bereich der psychotherapeutischen Forensik wird erstmals für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten angeboten und ist eine Bereicherung für alle, die im Strafvollzug mit „Tätern“ oder im Kontext von Gewaltdelikten bzw. von sexuellen Missbrauch arbeiten möchten und/oder beschäftigt sind sowie für psychotherapeutische Gutachterinnen und Gutachter, die ihr Repertoire gerne erweitern möchten. Diese Seminarreihe stellt den Beginn zu weiteren vertiefenden forensikrelevanten Seminaren für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten dar.

(Hervorhebungen von mir)

Alles perfekt gegendert.
Nur der Täter nicht.

In der ganzen Ausschreibung wird penibel genau darauf geachtet, die weibliche und die männliche Form zu verwenden, zudem wird die weibliche Form politisch korrekt zuerst genannt. Gezählte 4 mal in gezählten 3 Sätzen, die nicht gegenderte Überschrift nicht mitgezählt. Nur der Täter ist – ausschließlich – männlich.

Das ist nicht passiert, und es ist kein Flüchtigkeitsfehler. Jemandem, der hauptberuflich genau damit zu tun hat, kaufe ich das nicht ab. Das wurde bewusst so formuliert.

Scheinbar stimmt nun auch die Akademie der Vereinigung Österreichischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in den Kanon der falsch informierten mainstream-Medien ein. Und das ausgerechnet in Österreich, wo Sigmund Freud die Psychoanalyse begründete.

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Über Martin Domig

Uh yeah. THAT guy.
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5 Antworten zu Alles perfekt gegendert

  1. uepsilonniks schreibt:

    Ja, das ist typisch, gegendert wird immer sehr… „speziell“, auf meinem Blog schreibe ich dazu gerade:

    Das Unsichtbarmachen männlicher Opfer hat besonders Anja Langlois in „Die missverstandene Emanzipation“ herausgearbeitet. Dies ist ein immer wiederkehrendes Muster nicht nur bei Feministinnen, sondern auch in den Mainstreammedien: Werden Männer zu Opfern, werden gerne geschlechtsneutrale Formulierungen wie eben „Zivilisten“, „Menschen“ oder eben „Die Bevölkerung“ verwendet. Ganz anders sieht es aus, wenn Männer zu Tätern und Frauen zu Opfern werden, dann wird das Geschlecht betont.
    http://der-juengling.blogspot.de/2015/02/uber-filter-bubbles-und-mannerrechts.html

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  2. vortex schreibt:

    „Wenn die nämlich aufstehen und unbemerkt die Station verlassen, überleben sie die Nacht nicht. Weil sie eben verwirrt sind – und im Nachthemd erfrieren würden.“

    Würde es nicht reichen die Tür abzuschließen? Körperliche Fixierung sollte nur bei wiederholten Selbstverletzungen angewandt werden. Menschen an das Bett zu fesseln um diese daran zu hindern das Gebäude zu verlassen ist wohl die grottigste Entschuldigung für Arbeitssparende Maßnahmen. Bei einem entzündeten Zeh wird auch nicht das Bein abgenommen. Oder nach Konfuzius: Du sollst nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen.

    Ich selbst habe ein paar Monate ( habe recht schnell geküdigt ) in der Pflegearbeit verbracht und habe einen Haufen Bekannte/Freunde die noch in dem Feld beschäftigt sind. Die Zustände sind oft genug ( nicht immer ) von Überforderung, Unprofessionalität, und sehr dünnen Nervengerüsten bestimmt ( In der Zeit hat sich auch meine Meinung über die angebliche Engelhaftigkeit der Frauen massiv geändert, denn diejenigen die quälten, schlugen, vernachlässigten und allgemein fies waren sind alles Frauen gewesen ). Erklärungen wie deine oben machen mich ziemlich stinkig. Zu oft wurde nach offensichtlichem Missbrauch von Macht im Nachhinein ähnliche Rationalisierungen genutzt um Kritik zu ersticken, was dann auch der Grund meines Ausscheidens war. Ich hoffe du änderst deine Meinung diesbezüglich noch und nichts für Ungut.

    Aber nun zum Thema:

    „Alles perfekt gegendert.
    Nur der Täter nicht.“

    Erinnert mich an die gegenderte Bibel.

    Alles perfekt gegendert.
    Nur der Teufel nicht.

    Es ist nun mal so das Gynozentrismus das Gerechtigkeitsempfinden überschreibt. Männer erwarten das die Bösen andere Männer sind ( Konkurrenzverhalten ) und Frauen fahren recht gut damit die Engel by default zu sein. Warum die Blase zum platzen bringen?

    Ähnlich bei weiblichen Autoritäten die sich an Minderjährigen vergreifen. Sex ist was Tolles für Jungs, für Mädchen ist es das Fegefeuer. Hier wird deutlich welchen sexuellen Wert den beiden Geschlechter zugeschrieben wird. Jungs (Männer) sind billig, Wegwerfware wie ihr Sperma. Mädchen (Frauen) sind wertvoll, nur einmal im Monat funktional und dann für neun Monate außer Gefecht. Voll aufwendig. Also ist es klar ( jedenfalls für diejenigen die ihre höheren Gehirnfunktionen selten benutzen ) wer von den beiden Schutzansprüche hat und wer eben nicht.

    Also im Vergleich: Jemand moppst ein Kaugummi und kommt nicht mal auf die Wache, während ein Jemand der die Kronjuwelen klaut nicht um den Gerichtssaal umhin kommt.

    Das ist die hässliche Realität, die meisten Menschen scheinen auch kein Problem damit zu haben. Wie sich das mit dem Humanismus deckt, den doch alle so toll finden, werden mir dereinst die Engelein verklickern, aber was soll’s.

    „Und das ausgerechnet in Österreich, wo Sigmund Freud die Psychoanalyse begründete.“

    Muhahaha, späte Rache. Das kommt davon wenn man die Sinnleere, die man heute Psychologie nennt, maßgeblich beeinflusst hat. Und das ist ja nicht das einzige was so an Übelkeiten aus diesem Alpenland hervor gekrochen ist.Wenn es einen Gott gibt, dann hat es einen köstlichen Humor.

    ps. und ot:
    Statt Ritalin sollte man einfach wieder mehr Sportunterricht in den Stundenplan bringen. Wie ich mich in der Schule gelangweilt habe, das war beinahe schmerzhaft. Wenn ich wenigstens körperlich fertig gewesen wäre. Generell halte ich es für leichtsinnig Aufwachsenden Drogen zu verabreichen. Abgesehen davon ist die Steigerung bei Verschreibungen innerhalb der letzten zwei Dekaden um 1800%. Was haben die armen Eltern und Lehrer bloß in den Achtzigern und davor gemacht?

    Versteh‘ mich nicht falsch, ich bin ein großer Freund davon allgemeine Annahmen mal auf ihren Wirklichkeitsgehalt abzuklopfen, aber die Pathologisierung von unerwünschtem Verhalten von Jungen in Verbindung mit massiven Gewinnen für besagte Pharmakonzerne, nicht zu vergessen die Lehrer die nicht mit Temperament umkönnen, spricht eine deutliche Sprache. Kategorisch ablehnen will ich Ritalin nicht, Kinder mit dem Zeug vollzustopfen ist aber ziemlich Krank.

    Ich wünsche ein schönes Restwochenende und gehabt dich wohl

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  3. Matze schreibt:

    Offtopic

    Das muss man einfach festhalten: Wer auf seinem Avatar nach rechts sieht, ist ein Nazi.

    Gefällt 1 Person

  4. Wie sieht es deiner Meinung nach aus bei der Beurteilung/Gutachten der Rückfälligkeit von z.B. Sexualstraftätern, die für Richter die Entscheidungsgrundlage sind. Hier ist die öffentliche Meinung, die Gutachter/Psychiater sind zu lasch, durch sie kommen gefährliche Leute frei usw. Stimmt dies? Wie siehst du das? Gert Postel z. B. zeigt Missstände auf und die Nachrichten, als Fakt genommen, berichten über rückfällige Vergewaltiger. Wie ist hier der Unterschied zwischen Realität und öffentlicher Wahrnehmung?

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